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Mit Dr. Peter Radtke auf Theaterreise

Am 3. Oktober 2018 hatte das Theaterstück „Ecce Prometheus“ von Dr. Peter Radtke Premiere. Es gab langen Applaus und Bravo-Rufe für das Stück des 75-jährigen Autors und Regisseurs, der trotz seiner Glasknochenkrankheit selbst lange Zeit Theater gespielt hat. Mit Jan Dziobek in der Hauptrolle des Prometheus stand wieder ein Schauspieler mit Behinderung auf der Bühne. Pflegekraft und Teamleiterin bei der Heimbeatmungsservice Brambring Jaschke, Frau Claudia Höß berichtet, wie sie die Probenzeit erlebt hat.

In der griechischen Mythologie wird erzählt, wie sich der Titan Prometheus mit Zeus angelegt hat und zur Strafe für seinen Ungehorsam an einen Felsen im Kaukasusgebirge geschmiedet wird. Erst nach Jahrhunderten wird er durch Herakles von seinem Leiden befreit. In dem Theaterstück von Dr. Radtke liegt der griechische Gott in einem schief gestellten Eisenbett und trägt nur einen Krankenhauskittel. Mit Binden und Heftklammern im Bett fixiert tritt der moderne Prometheus mit Zeus in einen philosophischen Dialog. Man könnte auch an Jesus am Kreuze denken. Wer Radtke näher kennt, kann in Prometheus durchaus Wesenszüge von ihm entdecken. Das Stück war ein großer Erfolg, und der Applaus freute uns, die wir ihn als Pflegekräfte während der ganzen Zeit begleitet hatten, ganz besonders. Noch immer fasziniert mich die Erinnerung an den Augenblick, in dem all dies seinen Anfang nahm, nämlich mit meiner ganz unbedarften Frage: „Peter, sag mal, was hast Du denn sonst noch für Schätze in Deiner Schublade liegen, die Du noch nicht veröffentlicht hast?“ Zuvor hatten wir uns darüber unterhalten, was er in seinem Bühnenleben schon alles geschrieben und erlebt hat. Daraufhin schickte er mir per E-Mail das Script von „Ecce Prometheus“ und fragte mich nach meiner Meinung. Er merkte an, dass dieses Stück noch immer ein „Herzensstück“ sei, das er gerne einmal inszeniert hätte.

Vom ersten Moment an gefiel mir das Theaterstück, wobei ich mir bei der Lektüre über die Feinheiten noch gar nicht im Klaren war. Vor allem ahnte ich damals nicht, was dieses Projekt mir und meinen Kollegen abverlangen würde. Gleich nach meinem Feedback hat Peter Radtke jedenfalls das Stück an das Akademietheater Ulm geschickt und die Rückmeldung erhalten, dass es das Stück gerne unter seiner Regie aufführen würde. Dies war im Herbst 2017. Im Frühjahr 2018 kam es zu einem ersten Treffen mit den Schauspielern, im August folgte der erste, im September der zweite Block der Theaterproben. Die Proben fanden während der insgesamt rund zweieinhalb Wochen immer von Montag bis Samstag von 10.30 bis ca. 17.00 Uhr statt. Die Vorpremiere folgte am 3. Oktober in Ulm. KulturBayer, das Kulturinteressierten seit Jahrzehnten ein qualitativ anspruchsvolles Veranstaltungsprogramm bietet, war schon im Vorfeld darauf aufmerksam geworden und sicherte sich – ohne Näheres zu wissen – die Uraufführung, die in Leverkusen stattfinden sollte. Dem Veranstalter genügte die Tatsache, dass Peter Radtke sein neues Stück inszenierte. Für uns hieß das: Wir mussten den kompletten Transport aller für die Pflege erforderlichen Utensilien nach Leverkusen organisieren. Und dass wir Pflegekräfte unseren Klienten während der rund fünf Tage bei den Proben und bei der Aufführung begleiten würden, war klar. Und so erlebten mein Kollege und ich eine unglaubliche Zeit, die nicht nur für den Regisseur, sondern auch für uns aufregend und anstrengend war.

Wenn man sich als Pflegekraft auf so ein „Abenteuer“ einlässt, muss man schon sehr viel Enthusiasmus und Liebe zu der Sache mitbringen. Denn „Dienst nach Vorschrift“ geht bei solch außergewöhnlichen und großen Projekten nicht. Wir konnten beobachten und daran teilhaben, wie sich so ein Theaterprojekt entwickelt, wie so eine Aufführung bis zur Hauptpremiere wächst. Das ist einfach berauschend. Ich kann von uns Pflegekräften nur sagen, dass Theaterluft wirklich ansteckend ist! Und wir sind stolz. Denn ohne uns wäre dieses Theaterprojekt nicht zustande gekommen und zum Glück wurde in unserem Team niemand krank. Bald waren wir voll ins Ensemble integriert und hatten viele weitere Aufgaben. Mal fotografierten wir, mal fragten wir Texte ab, dann wieder sollten wir unsere Ideen einbringen, Kritik üben, Tränen trocknen, Essen besorgen, ein Kostüm umnähen, und natürlich immer wieder unseren Hauptdarsteller vom Rolli ins Bett bringen und umgekehrt. Oft war unser eigenes Improvisationstalent gefragt, insbesondere im Zusammenhang mit den örtlichen Gegebenheiten. Ich bezeichne mich inzwischen als MacGyver-Schwester: Immer hatte ich Klebeband, Draht, Kabelbinder und Schraubenzieher dabei.

Mit dem Zug sollte es dann von Leverkusen zurück nach München gehen. Ich begleitete Peter Radtke zum Kölner Bahnhof, wo wir nur knapp der Geiselnahme dort entgingen, die dort alles für lange Zeit lahmlegte. Zum Glück saßen wir da schon eine Stunde lang im Zug. Als ich während der Fahrt davon hörte, wurde mir kurzzeitig doch sehr mulmig. Aber auch ohne solche zusätzlichen Schrecksekunden ist es immer eine Herausforderung, mit Rolli und dem ganzen Gepäck samt Beatmungsmaschine, mit der Deutschen Bahn zu reisen.

Ich schreibe all das, weil ich zeigen möchte, dass außerklinische Intensivpflege viele Überraschungen bereithält und man über die Versorgung eines Klienten in ungeahnte Welten vorstoßen kann – vorausgesetzt, man ist bereit ist, sich auf den Menschen, den man pflegt, einzulassen und einander zuzuhören. So habe ich in den Jahren, in denen ich Peter Radtke pflege, schon viele literarisch-philosophische Gespräche führen können. Gerade weil ich als Krankenschwester und Heilpraktikerin einen ganz anderen Hintergrund habe als der promovierte Romanist, Buchautor, Schauspieler und Regisseur haben wir oft einen unterschiedlichen Blick auf die Welt. Hier während der Zeit, in der ich sozusagen „interventionsbereit“ präsent bin und das Wohlbefinden meines Klienten überwache, gemeinsame geistige Berührungspunkte zu finden, macht den Pflegeberuf hochinteressant. Und wie das Theaterprojekt zeigt, kann man als Pflegekraft etwas bewegen, ohne zu ahnen, welche Tragweite dies erreichen kann. Im Akademietheater wurde „Ecce Prometheus“ mehrmals gezeigt und hat in der Presse große Beachtung gefunden. Soeben führt Peter Radtke die Verhandlungen über weitere Vorführungen im Rahmen einer Städtetour. Und er hat bereits weitere Theaterideen. Es bleibt also spannend!

Claudia Höß, Teamleitung

Der Artikel erschien in GD 43, Januar 2019, S. 57