Barrierefreiheit
im Alltag
und auf Reisen

Erfahrungen einer abenteuerlustigen Familie

2009 hat die Bundesregierung die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet, 2011 hat sie einen Aktionsplan zur Umsetzung verabschiedet und viele Dinge angestoßen. Auch auf Länderebene hatte dies große Auswirkungen, man denke nur an das Recht auf inklusive Schulbildung. Bayern hat seit 2013 einen eigenen Aktionsplan. Horst Seehofer hatte in diesem Jahr erklärt, dass in zehn Jahren der gesamte öffentliche Raum und der öffentliche Nahverkehr barrierefrei sein müssen. Barrierefreiheit ist in aller Munde. Doch was steckt hinter dem Schlagwort? Für uns bedeutet es, dass jeder Mensch die gleichen Rechte, die gleichen Freiheiten und den gleichen Zugang zu gesellschaftlichen Einrichtungen, Bildung, Arbeit etc. haben soll. Es geht um Teilhabe, Wert der Vielfalt und Respekt vor der Person. Das sind große Ziele. 2015 wurde von den UN ein erster Staatenbericht verfasst, in dem bei so gut wie jedem Punkt der Konvention Kritik an der Umsetzung in Deutschland geübt wurde. Im nächsten Jahr wird die offizielle Antwort Deutschlands auf die Kritikpunkte erwartet und deren Umsetzung überprüft. Wir als Eltern eines Kindes mit Beatmung und Querschnittlähmung wollen hier einen völlig subjektiven Bericht darüber vorlegen, wie der Stand der Dinge sich für uns darstellt, wo wir im Alltag an unsere Grenzen stoßen und wo wir uns weniger Behinderungen wünschen würden.

Zoe und Bettina Haringer

Barrierefreie Gestaltung des öffentlichen Raums

Alle öffentlichen Einrichtungen sollen für Rollstuhlfahrer zugänglich sein und sind es meist auch, aber wir stoßen trotzdem immer wieder auf Hindernisse. Natürlich kann nicht jede historische Altstadt mit einem jahrhundertealten Netz aus kleinen Gässchen mit Kopfsteinpflaster rollstuhlgerecht ausgebaut werden. Das will auch niemand. Uns ärgert es aber, wenn relativ neu gestaltete Stadtplätze, wie der in der kleinen Kreisstadt Eggenfelden, so geplant werden, dass unsere Tochter hier nicht sicher navigieren kann. Es geht darum, dass der Übergang vom Gehweg zu den Parkplätzen und zur Straße so gut wie überall von einem kleinen Absatz getrennt ist. Das Problem dabei ist nicht die Höhe von ca. fünf Zentimetern, sondern dass er nicht erkennbar ist, da alles in dem gleichen grauen Stein gebaut wurde und sich nichts farblich abhebt. Unsere Tochter ist schon mehrfach mit hoher Geschwindigkeit unabsichtlich darübergefahren, weil sie den Absatz nicht gesehen hat und wäre dabei fast aus dem Rollstuhl gestürzt. Bei einem anderen Beispiel hat ein befreundeter Rollstuhlfahrer für Abhilfe gesorgt. Ihm fiel auf, dass er in der Stadt Pfarrkirchen nicht das Polizeipräsidium betreten konnte, da hier eine Treppe den Zugang verhinderte. Auf seinen Hinweis hin wurde eine Rampe zu einer Hintertür installiert, die nach dem Betätigen einer Klingel von einem Polizisten geöffnet wird. Das Bewegen in der Stadt ist möglich, wenn auch nicht immer einfach. Gehwege enden im Nichts, werden zu eng, es fehlen abgesenkte Übergänge. Oft gleicht das Navigieren eher einem Hindernislauf als einem Spaziergang. Positiv ist herauszuheben, dass wir so gut wie immer einen geeigneten Parkplatz finden, um zentral in einer Stadt starten, in eine öffentliche Einrichtung gelangen zu können etc.

Halböffentlicher Raum – kulturelle Angebote

Ganz ehrlich, wir dachten, was für den öffentlichen Raum gilt, gilt auch für Einrichtungen wie Museen etc. Hier wurden und werden wir leider immer wieder enttäuscht, denn bei Weitem nicht jedes Museum ist für unsere Tochter zugänglich. Nicht einmal das große Deutsche Museum in München ist komplett für Rollstuhlfahrer nutzbar. Bei einem Besuch vor zwei Jahren mussten wir feststellen, dass wir die oberen Etagen leider gar nicht besuchen können, da die Aufzüge schlichtweg zu klein waren. Wir sind hier sicher nicht die einzigen Benutzer eines E-Rolli, denen es so geht. Immerhin wurde uns auf Nachfragen bestätigt, dass die in den momentanen Umbaumaßnahmen enthaltenen Änderungen dafür sorgen werden, dass ab dem Jahr 2020 alle Ebenen für alle zugänglich sind. Ja, es gibt Internetportale, wie z.B. www.bayern.by/urlaub-fuer-alle/urlaub-fuer-alle, wo eine Filtersuche nach Freizeitangeboten möglich ist. Größere Städte, in unserem Fall Regensburg, geben Broschüren heraus, aus denen man entnehmen kann, welches Angebot man mit dem Rollstuhl nutzen kann. Dennoch haben wir gelernt, dass wir um ein Telefonat im Vorfeld nicht herumkommen, wollen wir sichergehen, dass unser Besuch nicht an der Türe endet. Wir würden uns sehr wünschen, dass alle Einrichtungen, die für Publikumsverkehr ausgelegt sind, barrierefrei gestaltet sein müssen. Barrierefreier Zugang kommt ja nicht nur Rollstuhlfahrern, sondern auch Familien und älteren Personen zugute.

Öffentlicher Personen Nahverkehr

2013 hat Herr Seehofer gesagt, dass der gesamte ÖPNV barrierefrei sein wird. Das hat sich leider nur teilweise im Bayerischen Aktionsplan niedergeschlagen. Hier wird ganz klar gesagt, dass es nicht finanzierbar ist, alle Haltestellen barrierefrei auszubauen, der Rest soll mit Rampen nutzbar gemacht werden. Im Aktionsplan kann man eine Liste der Städte finden, die in den Genuss von Umbaumaßnahmen kommen. Für uns hat das schon für Verbesserungen gesorgt. Der Passauer Bahnhof war bis vor kurzer Zeit für Rollstuhlfahrer eine mittlere Katastrophe. Da kein Zugang zu den verschiedenen Bahnsteigen via Aufzügen bestand, musste man die Reise/den Hilfsbedarf vorher anmelden und wurde dann von einem freundlichen DB Mitarbeiter nach einer kurzfristigen Gleissperrung zu Fuß(!) über die Gleise geleitet. Nun sind wohl alle Gleise mit einem Aufzug erreichbar und der Bahnhof barrierefrei. Die für uns wichtigen Bahnhöfe Plattling, Regensburg und Passau sind somit für uns alle erschlossen. Aber das ist leider nur die halbe Miete und Bahnfahren für Rollstuhlfahrer ist noch nicht ohne Einschränkungen möglich. Nicht nur, dass es in den meisten Zügen höchstens vier Rollstuhlplätze gibt, nein, ein Rollstuhlfahrer kann auch nur von 8.00 -20.00 Uhr fahren. Im Aktionsplan wird zwar beschrieben, dass es irgendwann eigenständig bedienbare Rampen für Rollstuhlfahrer geben soll, um auch in Nicht-Niederflurfahrzeuge zu gelangen. Bis das der Fall ist – wir haben auf dem Land noch nichts davon bemerkt – ist man auf den Mobilitätsservice der Deutschen Bahn angewiesen. Es muss ganz einfach Personal organisiert werden, um die Rampe zu bedienen, über die man den Zug betreten und verlassen kann, und dieses Personal hat geregelte Arbeitszeiten. Dies bedeutet einerseits, dass spontane Reisen für uns nicht möglich sind, außer man kennt den Zug und die Strecke, andererseits, dass wir deshalb schon Zugfahrten wieder stornieren mussten oder sie nicht buchen konnten, da der gewählte Zug um 7.58 Uhr gefahren wäre und somit keine Hilfeleistung in Anspruch genommen werden konnte. Eine Bahnfahrt nach Hamburg kam für uns wegen mehr als ungünstigen Fahrzeiten nicht zustande, was sehr frustrierend war. In einer unbekannten Umgebung führen die teils unterschiedlichen Lösungen auch zu lustigen Begebenheiten. So sind wir z.B. in Berlin an der S-Bahn „gescheitert“. Wir wussten einfach nicht, dass es immer im ersten Abteil hinter dem Führerhaus eine Rampenhilfe gibt. So haben wir drei Bahnen vorbeifahren lassen und immer auf ein neueres schwellenloses Modell gewartet, bis uns dankenswerterweise ein netter Passant darauf hingewiesen hat.

Zugang zu Geschäften, Restaurants etc.

Hier zählt eigentlich das Gleiche wie für den öffentlichen Raum. Man kann nicht erwarten, dass der Zugang zu jeder Gaststätte barrierefrei ist. Und dennoch ist es oft frustrierend, wenn man an einem Stadtplatz ist und zu wirklich jedem Restaurant mindestens eine Stufe hinaufführt. Die Tourismusverbände haben zumindest scheinbar erkannt, dass hier Bedarf besteht und man findet über viele Regionen Informationsportale etc. Es wäre wünschenswert, wenn die Sensibilisierung der Öffentlichkeit so voranschreiten würde, dass es selbstverständlich ist, dass jede Gaststätte und jedes Ladengeschäft eine mobile Rampe bereithält, damit jeder Zugang dazu hat.

Reisen

Hier, wie für alle Unternehmungen, gilt: planen, planen, planen… Wo kann ich parken? Wie ist der Zugang? Welche Angebote in der Umgebung sind nutzbar? Ist das Bad groß genug? Wie funktioniert der Transport? Diese Fragen und noch viele weitere mehr müssen wir im Vorfeld abgeklären. Und wir wurden dennoch oft genug vor Herausforderungen gestellt und haben lernen müssen, dass, nur weil eine nette Rezeptionistin am Telefon behauptet, der Zugang zu ihren Ferienhäusern sei barrierefrei, die Realität doch oft anders aussieht. Vor Ort fanden wir dann doch eine „kleine“ Stufe von 20 cm. Darauf sind wir inzwischen vorbereitet und führen stets mehrere kleine und eine große Rampe mit. Trotzdem reicht das hin und wieder nicht aus und wir müssen vor Ort kreative Lösungen finden. Natürlich gibt es auch positive Ausnahmen: Vor Kurzem waren wir in der Almenwelt Lofer und konnten mit der Vermieterin der Almhütte im Vorfeld genau absprechen, welche Rampen wir für die Hütte brauchen. Als wir ankamen, waren wir positiv überrascht. Wir waren auf einer Berghütte in 1600 m, höher als die Bergstation der Seilbahn, wir konnten die Hütte mit dem Auto anfahren und es war möglich, dass sich Zoe den ganzen Tag selbstbestimmt bewegen konnte. Die Wanderwege waren so gut ausgebaut, dass wir unseren Outdoor-Rolli nutzen oder Zoe auch einmal mit dem E-Rolli durch die Bergwelt düsen konnte.

Zoe im Rollstuhl auf Wanderschaft mit ihrem Vater und Ihrer Schwester.

Fazit

Wir haben das Gefühl, dass die Öffentlichkeit sehr wohl für das Thema der Barrierefreiheit sensibilisiert ist und viel dafür getan wird, dass alle an der Gesellschaft und am öffentlichen Leben teilhaben können. Doch es ist noch immer ein weiter Weg, bis ein Rollstuhlfahrer die gleichen Möglichkeiten in seiner Freizeitgestaltung und in seinem Alltag hat wie ein Gehender - bis eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen verwirklicht ist. Bis dahin gilt für uns, dass wir weiter versuchen werden, so viele Unternehmungen wie möglich für unsere Tochter zu realisieren und zu planen, planen, planen…

Bettina und Jochen Haringer

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