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Bedingungslos lieben

Dies ist der zweite Beitrag einer Fotoserie unter dem Motto „Was mich erfüllt“. Ziel war die Erstellung von wertschätzenden Mitarbeiterporträts. 

“Liebe ist schwer beschreibbar, denn sie findet jenseits des Begreifbaren und des Denkens statt. Trotzdem ist es möglich, die Liebe in ihrer mannigfaltigen Ausdrucksform zu erfassen, denn sie ist überall und allumfassend. Sie kennt keine Grenzen.

Liebe möchte vereinen, verströmen, verschmelzen und Grenzen öffnen. Sie erwartet nicht, ist niemals eigennützig, beansprucht nichts.

Die Liebe ohne Bedingung, kennt keine Erwartungen oder Bedürfnisse. Liebe löst in mir die Kraft der göttlichen Essenz, sie hebt alle Grenzen auf.

Das Wunderbare an der bedingungslosen Liebe ist, dass sie so tiefgreifende Auswirkungen hat. Sie gibt mir Kraft, mich im Ganzen zu fühlen. Sie ist ein Teil meines inneren Seins und weniger ein Gefühl, sondern ein ‘Daseinszustand’.

Die Liebe zu mir selbsts schenkt mir Vertrauen, meinen Weg zu gehen. Aber sie nimmt mir auch die Angst, in den Schmerz zu gehen, um für sie zu kämpfen.”

Monica Esteve-Ros ist Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivpflege, Pain Nurse/Schmerzexpertin und Patientenkoordinatorin für das Team für Intensivpflege GmbH und die Mobile- und Altenpflege HDM, in Bad Arolsen 

Den Fotografen Gerd Aumeier habe ich während einer Veranstaltung von einem Verein kennengelernt, der von Unternehmen gegründet wurde, um wieder mehr Wertschätzung und ein Bewusstsein für moralisch-ethisches Handeln in unserer Gesellschaft zu verankern. Gerd Aumeier hat in den Unternehmen wertschätzende Mitarbeiterporträts gemacht und das hat mich so begeistert, dass ich auch unseren Mitarbeiter*innen vorgeschlagen habe, ein Fotoshooting mit ihm zu machen. Die Fotos wurden dann im August 2018 aufgenommen. Das Besondere daran ist, dass sich Gerd Aumeier für ein Porträt mehrere Stunden Zeit nimmt und mit den Mitarbeiter*innen intensive Gespräche führt. So regt er an, sich selbst Gedanken zu machen und sich z.B. die Frage zu stellen:Warum arbeite ich in der Pflege? Was reizt mich an diesem Beruf?‘  

Es ist eine Reihe sehr schöner Fotos entstanden. Das Shooting war auch eine persönliche Herausforderung, da es sehr intim ist, sich auf so etwas einzulassen und das sieht man den Porträts auch an. Es war fast eine Art Coaching, bei dem verschiedenste Aspekte besprochen werden konnten, die im Berufsleben sonst vielleicht keinen Platz haben. 

Für mein Porträt haben wir uns in Gerd Aumeiers großem Atelier getroffen und besprochen, welches Thema mich beschäftigt – die bedingungslose Liebe. Im Gespräch haben wir versucht herauszufinden, was das konkret für mich bedeutet und das wurde sehr spirituell. Es kamen Gedanken und Emotionen in mir hoch, die wichtig waren. Es war eine besondere Erfahrung. 

Wertschätzung im Beruf bedeutet für mich, dass es einen persönlichen Benefit gibt. Ich bin seit über 25 Jahren in der Pflege, ich habe viel gesehen und war in unterschiedlichen Bereichen tätig. Der Aspekt des Wiedergebens, egal in welche Richtung, ist dabei für mich wichtig. Das kann sowohl eine kurative Richtung sein, wenn ich miterlebe, wie jemand wieder gesund wird als auch ein palliativer Verlauf 

Ich habe viel Positives erlebt, aber auch Trauriges, das oft sehr wertschätzend war. Es kommt immer auf die Perspektive an. Ich habe viel Sterbebegleitung gemacht und wurde oft gefragt: ‚Wie hältst Du das aus? Das ist ja schrecklich.‘ Für mich ist es immer auch ein Geschenk, wenn ich einen Menschen begleitet habe, der in Frieden eingeschlafen ist und den Weg gehen konnte, den er sich gewünscht hat. Wenn Menschen zu mir kommen und mir ganz bewusst sagen, dass es für sie so weit ist zu gehen, dann ist das beachtlich und nicht selbstverständlich in der heutigen Gesellschaft. Menschen, die ich lange gepflegt und begleitet habe, begleite ich selbstverständlich auch auf ihrem letzten Weg. Das ist genauso wichtig und wertvoll und setzt viel Vertrauen voraus.  

Ich versuche immer zu sehen, was ich für den einzelnen Menschen tun kann. Wenn jemand seinen Weg gefunden hat, bin ich froh und es gibt mir Kraft, diesen Weg mit ihm zu gehen. Das habe ich schon als junge Schwester auf der Intensivstation gespürt, wenn Angehörige gefragt haben: ‚In welche Richtung geht es? Sie waren dankbar, wenn ich die Wahrheit gesagt habe. Ich hatte mit 24 Jahren ein Erlebnis, dass ich nicht vergessen werde. Ein Patient kam auf die Intensivstation. Die Kollegen hatten seine heftigen Schmerzen nicht in den Griff bekommen. Er hatte ein Lungenkarzinom und es war klar, dass er sterben würde. Ich kannte ihn nicht und hatte ihn gerade 10 Minuten vorher zum ersten Mal gesehen. Er setzte sich plötzlich auf die Bettkante, ich nahm ihn in den Arm und fragte: ‚Was ist denn? Er hat mir über das Gesicht gestreichelt und gesagt: ‚Es ist alles gut.‘ Er ist dann in meinem Arm eingeschlafen. In dem Moment wurde eine Energie freigesetzt und ich habe mich gefragt: ‚Was hat mir dieser Mensch geschenkt?‘ Die Gewissheit, dass es nicht schlimm ist, zu gehen, dass es ok ist, und das hat auch mir die Angst genommen. Auf dieser Ebene gibt es kein Gut und kein Schlecht. Alles ist nichts und nichts ist alles, ein Zustand, den man manchmal in der Meditation erreicht. 

Das Foto erschien in der GD 46, Oktober 2019, auf S. 22/23.