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Bigger than Life. Interview mit dem PopArt-Künstler Phil Herold, der in seiner Autobiographie aus seinem Leben mit SMA berichtet.

“Du musst es nur wollen, dann kannst du alles erreichen!”

Phil Herold, geboren 1980, ist PopArt-Künstler, Münchner, Wahlamerikaner, Buchautor und Lebemann, um nur ein paar wenige Eigenschaften dieses vielseitigen Multitalents zu nennen. Phil Herold hat SMA – Spinale Muskelatrophie Typ II – eine neuromuskuläre Erkrankung, die nicht heilbar ist. Durch die Rückbildung der Muskulatur sind Betroffene auf fachpflegerische Unterstützung und den Einsatz von Hilfsmitteln und -technologien angewiesen. Phil Herold hat im Herbst 2018 seine Autobiografie „Bigger than life – Nichts kann dich am Leben hindern“ veröffentlicht. Er schildert darin sehr persönlich sein bisheriges Leben. Von der Kindheit und Jugend in München, über Ski-Urlaube mit seinen Eltern bis zur ersten Reise in die USA, die ihm zur zweiten Heimat wurden. Er berichtet über die Höhen und Tiefen seiner Schul- und Ausbildungszeit und seine Anfänge als PopArt-Künstler. Das Buch ist auch eine Hommage an seine Eltern, die ihn nicht nur stets engagiert unterstützen, sondern mit bewundernswertem Einsatz versuchten, ihrem Sohn alles zu ermöglichen. Phil Herold hat sich inzwischen einen Namen als internationaler Künstler gemacht – am Computer entwirft er großformatige Kunstwerke, die bunt, manchmal auch schrill, den Betrachter in ihren Bann ziehen. Phils Bilder lassen sich nicht mit einem flüchtigen Blick erfassen. Immer wieder entdeckt man neue Details, die sich zu einem großen Ganzen zusammenfügen.

GD: Phil, mit einem Mini-Joystick kreieren Sie poppig-bunte Werke am Computer und bezeichnen sich als “Cyberspace-Expressionist des 21. Jahrhunderts”, was hat Sie inspiriert, Pop-Art-Künstler zu werden und was drücken Sie mit Ihrer Kunst aus?

P.H.: New York, Jazz und mein guter Freund James Rizzi. Pop-Art trifft den Nerv unserer Zeit und noch dazu macht es unheimlich viel Spaß, ich mag es, wenn es ‚poppt und rockt!‘ Auch die Fotografie und das Schreiben lassen sich wunderbar mit der Pop-Art vereinbaren. An der Kunst begeistert mich, dass sie mir die Freiheit gibt, alles tun und lassen zu können, was ich will und mich darin verwirklichen zu dürfen. Ich bin Künstler geworden, weil es die wichtigste Form der Freiheit ist, sich selbst verwirklichen und derjenige sein zu können, der man ist. Unsere Gesellschaft zwingt uns, den eigenen Willen aufzugeben und eine bestimmte Rolle zu übernehmen. Sie zwingt uns, die Realität gegen ein Spiel auszutauschen. Jeder verzichtet zugunsten einer Maske auf die Fähigkeit, Gefühle auszuleben. Der Entzug der Gefühlsfreiheit kann einen Menschen zerstören. Das wollte ich auf keinen Fall erleben müssen. Seit ich zum ersten Mal einen Magic Marker zwischen den Fingern hatte, war mir klar, dass ich Künstler werde. Kunst ist für mich ein Ausdruck von Emotionen. Schon Leonardo Da Vinci nannte Musik und Malerei Geschwister. Farben und Musik gehorchen ähnlichen Gesetzen und haben eine vergleichbare Wirkungsweise. Beide bestehen aus Wellen, aus Frequenzen. Ihre Schwingungen bringen etwas ganz Bestimmtes im Menschen zum Klingen. Jede Art von Kunst erweckt bei Menschen Emotionen und das schon seit tausenden von Jahren. In meiner Kunst breite ich vor allen aus, was ich mir ausgedacht habe. Ich liebe es, Magie zu erschaffen, etwas zusammenzufügen, das vollkommen ungewöhnlich und so unerwartet ist, dass es den Leuten den Atem raubt. Etwas, das der Zeit voraus ist. Fünf Schritte dem voran, was die Menschen denken. Hinzu kommt, dass meiner Meinung nach eine verborgene Welt existiert, in der alles schläft. Eine Welt, an die wir uns erinnern, die aber jeder zu vergessen sucht. Die Leute lieben dieses Spiel, doch niemand wird zugeben, dass es ein Spiel ist. Wenn es jemand tun würde, wäre es zu Ende. Die Ideen zu meinen Bildern gehen aus den vielen Eindrücke hervor, die auf mich einprasseln. Das kann z.B. ein beliebiges Bild aus dem Fernsehen sein, ein intensiver Kuss von einer guten Freundin oder irgendein Fetzen von einem Lied, das ich gerade aufgeschnappt habe. Das brennt sich dann wie eine Blaupause in meinem Kopf ein. So habe ich eine Art Bauplan, von dem aus ich anfange, ein Konstrukt zu erstellen und davon habe ich tausende im Kopf.

GD: Haben Sie Vorbilder im Leben oder in der Kunst?

P.H.: Im Leben wäre es reine Zeitverschwendung, aber ich habe ein Vorbild, das mich künstlerisch inspiriert! Walt Disney. Er war größenwahnsinnig und hat seine Visionen umgesetzt. Genau wie ich. Es macht riesigen Spaß, etwas zu erschaffen, das niemand je erwartet hätte und von dem keiner geglaubt hat, dass es möglich sei. Ich werde mich z.B. demnächst ins All schießen lassen, um ein paar Runden zu drehen. Das glaubt mir zwar niemand, aber es ist so!

GD: Wenn Sie mit einem Projekt beginnen, wissen Sie dann schon genau, wo es Sie hinführt?

P.H.: Ja und nein. Ich glaube, dass es ein weites Feld von Bildern und Gefühlen in uns gibt, welches wir in unserem Alltag selten hinauslassen können. Und wenn diese Gefühle hervorbrechen, können sie perverse Formen annehmen. Es handelt sich um unsere dunkle Seite, die jeder, der sie erkennt, auch in sich selbst wiederfindet. Es ist das Zurschaustellen von Kräften, die selten das Tageslicht erblicken. Meine Arbeiten wirken deshalb am besten in der Dunkelheit, angeleuchtet mit nur einem Spot, zeigen sie sich in ihrer vollständigen Pracht.

GD: Durch Ihr Fotoprojekt ‚The Skills Project‘ sind Sie in Kontakt mit vielen prominenten Menschen. Sie nutzen Ihre Kunst aber vor allem auch für soziale Projekte?

P.H.: Das Wort Philanthropie steckt in meinem Namen. Man versteht darunter ein menschenfreundliches Denken und Verhalten. Als Motiv wird manchmal eine die gesamte Menschheit umfassende Liebe genannt, die ‚allgemeine Menschenliebe‘. Gerade in der heutigen Zeit – ich denke da an die vielen Flüchtlinge, die geplante Mauer zu Mexiko usw. – sollten wir alle etwas mehr davon zeigen.

GD: Schon von frühester Kindheit an mussten Sie lernen, dass bei Ihnen alles anders ist als z. B. bei den Nachbarskindern. Inklusion war in den 1980er Jahren in Deutschland noch kein zentrales Thema, dennoch haben Sie immer gekämpft, um Ihre Träume zu verwirklichen.

P.H.: Integration und Inklusion sind nur schön klingende Wörter. Wir brauchen das nicht, denn wir Menschen sind in dem Moment, in dem wir auf die Welt kommen, alle gleich. So sollten wir uns auch gegenseitig behandeln und dies für eine Selbstverständlichkeit halten.

GD: Phil, wenn man sich auf der Homepage www.phil.ph durch die Fotos Ihrer Clients & Friends scrollt, sieht man Sie an der Seite von Aerosmith, Sting, Snoop Dogg, Kiss, Christo und Jeanne-Claude, Leonardo di Caprio, Gerhard Polt, Juliette Lewis uvw. Wie haben Sie diese Künstler kennengelernt?

P.H.: Ich mochte schon als Jugendlicher gute Musik und schöne Kunst. Es war naheliegend irgendwann persönlich auf die Künstler zuzugehen. Man braucht dafür ein bisschen Selbstvertrauen, dann klappt das! Wir spielen alle in derselben Liga. Mit vielen Künstlern bin ich sehr gut befreundet.

GD: „Woher nehmen Sie die Kraft für Ihre künstlerischen Projekte, Ihr soziales Engagement und Ihre Reisen in die USA, die mit der ein oder anderen Hollywood-Party verbunden sind?“

P.H.: Aus meiner Arbeit, den Niederlagen und den Erfolgen. Aber auch aus der guten Energie, die mir meine Freunde und das Reisen geben.

GD: Sie sind so oft es geht in den USA. Warum ist Amerika so ein Sehnsuchtsort für Sie?

P.H.: „Ich liebe das Land und die Menschen und habe dort mehr Freiheiten als hier. Restaurants, Kinos, Bars, Geschäfte, Arenen usw. es ist alles barrierefrei!“

GD: Sind Sie glücklich?

P.H.: Sehr sogar. Wenn ich mittags aufwache, überlege ich zuerst, was der Tag bringen wird und darauf freue ich mich. Manchmal wache ich neben einer wunderschönen Frau auf, dann freue ich mich natürlich umso mehr. Oder ich bekomme Besuch von Freunden, wie Sting, Kris Kristofferson oder Stefanie Germanotta. Ich fotografiere sie für mein ‚The Skills Project‘. Es ist ein Privileg, mit den größten Künstlern unserer Zeit zusammenzuarbeiten. Mir wurde ein großartiges Leben gegeben und ich verleugne nicht, dass ich in den letzten Jahren sehr viel Spaß hatte. Ich traf interessante Menschen und habe in kurzer Zeit Dinge gesehen, die ich normalerweise in 20 Jahren nicht gesehen hätte. Nichtsdestotrotz, leben ist anstrengend. So ein intensives Leben wie ich es führe, ist manchmal sehr anstrengend. Aber was soll’s, ich lebe nur einmal und so wie ich lebe, ist einmal dann auch genug.

GD: Haben Sie das Gefühl, dass Sie manche Menschen auf Ihre Krankheit reduzieren und Ihre Kunst nur in diesem Zusammenhang betrachten?

P.H.: Es ist für mich einfacher, durch meine Krankheit, Aufmerksamkeit zu bekommen, aber ich möchte nicht, dass die Krankheit meine Geschichte dominiert. Wenn ich tot bin, erwachen meine Bilder zum Leben. Dann müssen sie nicht mehr mit meiner Geschichte konkurrieren. Natürlich kann man ein Kunstwerk nicht von dem Künstler trennen, der es erschaffen hat. Deshalb reden wir nach mehr als hundert Jahren noch über van Goghs Ohr. Jeder Mensch ist ein Lebensgesamtkunstwerk. Das gilt auch für mich. Meine Krankheit stört mich nicht. Ich bin so auf die Welt gekommen. Das bin ich. Und alles was ich nicht bin, hat mich zu dem gemacht was ich bin.

GD: Phil, Sie haben sich zur Behandlung mit dem Medikament ‚Spinraza‘ entschieden, das möglicherweise zur Verlangsamung des Krankheitsverlaufs bei SMA beträgt. Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Medikament gemacht?

P.H.: Bisher ganz gute, vor allem die Zwischenrippenmuskulatur hat sich etwas verbessert, sodass das Atmen ohne Beatmung sogar problemlos wieder mehrere Stunden am Tag möglich ist. Allerdings muss ich auch sagen, dass der Körper durch den Muskelaufbau und die neuen Verknüpfungen, die im Gehirn entstehen, um die Muskeln wieder anzusteuern, durchaus einer hohen Belastung ausgesetzt wird. Hohe Dosen an Koffein und Protein helfen etwas, um dies auszugleichen.

GD: Tauschen Sie sich mit anderen Menschen, die SMA haben, aus? Z. B. über Hilfsmittel oder neue Therapieansätze?

P.H.: Nein. Dafür ist die SMA im Verlauf zu individuell.

GD: „In ‚Bigger Than Life‘ schreiben Sie: ‚In diesem Buch soll es nicht vordergründig um meine Krankheit/Handicap gehen. Ich will die Geschichte meines Lebens erzählen. Wie ich mit Willenskraft und mit Hilfe von Freunden, Gefährten und Familie die Welt eroberte.‘ Was möchten Sie den Lesern mit auf den Weg geben?“

P.H.: Du musst es nur wirklich wollen, dann kannst Du alles erreichen! Zurzeit bereite ich mehrere Projekte vor, die insbesondere in Europa stattfinden werden. 2020 ist für mich ein besonderes Jahr – mein Jubiläumsjahr. Lassen Sie sich überraschen!

GD: Herr Herold, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Das Interview führte Dr. Lena Panzer-Selz. Es erschien in GD, Ausgabe 44, April 2019

Angaben zum Buch:
Phil L. Herold, BIGGER THAN LIFE: Nichts kann dich am Leben hindern.
Gräfe und Unzer Verlag GmbH 2018
240 Seiten
Preis: 16,99 Euro

www.graefe-und-unzer.de